„Pele“ Wollitz attackiert die eigenen Fans: Der faszinierende Widerspruch, der diesen Aufsteiger zerreißt
Das Wichtigste vorab: Energie Cottbus belegt derzeit den siebten Platz in der 2. Bundesliga und hat in den ersten fünf Spieltagen beeindruckende dreizehn Tore erzielt – eine Leistung, die die Erwartungen bei Weitem übertrifft. Doch die öffentliche Schelte von Cheftrainer Wollitz gegen die eigenen Fans hat die tiefsten Spannungen innerhalb der Mannschaft offengelegt: den Konflikt zwischen einem Trainer, der sein Herz auf der Zunge trägt, und einer Anhängerschaft, deren Leidenschaft bisweilen kaum zu bändigen ist – eine Dynamik, die weit faszinierender ist als jeder einzelne Sieg.
Ein Trainer, der „niemandem recht machen kann“
Zunächst ein kurzer Hintergrund: Cottbus stieg in der vergangenen Saison aus der 3. Liga in die 2. Bundesliga auf und kehrte damit erstmals seit 2014 in die zweithöchste deutsche Spielklasse zurück. Der Mann, der dieses Kunststück vollbrachte, ist der 61-jährige Claus-Dieter Wollitz, in der Branche bekannt als „Pele“.
Der Ursprung dieses Spitznamens ist interessant. Der Legende nach konnte er schon als Sechsjähriger einen Ball unendlich lange in der Luft halten, ohne dass dieser den Boden berührte, was ihm Vergleiche mit der brasilianischen Legende einbrachte. Natürlich gewann er keine drei Weltmeisterschaften, doch als Spieler holte er den DFB-Pokal, und als Trainer schaffte er zweimal den Aufstieg aus den Regionalligen in die 3. Liga, bevor er Cottbus zurück in die 2. Bundesliga führte.
Wollitz ist in Cottbus mehr als nur Cheftrainer; er fungiert auch als Sportdirektor und hält die Fäden sowohl im sportlichen als auch im operativen Bereich des Vereins in der Hand. Diese Struktur der „Ein-Mann-Herrschaft“ setzt ein nahezu bedingungsloses Vertrauen des Vereins voraus, bedeutet aber auch: Wenn er austeilt, bleibt demjenigen, der ins Visier gerät, nichts anderes übrig, als die Kritik einzustecken.
Der Auslöser: Ein 4:4-Unentschieden und ein ausgepfiffener „Außenseiter“
Alles begann Anfang September. Cottbus lieferte sich auswärts gegen Wolfsburg ein wildes, hin und her wogendes Duell, das mit einem 4:4-Unentschieden endete. Doch das Gespräch nach dem Spiel drehte sich nicht um das Ergebnis, sondern um die unaufhörlichen Schmähungen, mit denen Cottbuser Fans den Wolfsburger Spieler Fabian Reese bedachten.
Wer ist Reese? Ein Offensivspieler, der für 8 Millionen Euro von Hertha BSC nach Wolfsburg gewechselt war – ein Mann, der keinerlei Vorgeschichte oder Konflikte mit Cottbus hatte. Dennoch wurde er von den Cottbuser Fans während des gesamten Spiels gnadenlos ausgepfiffen. Nach der Partie platzte Wollitz der Kragen.
Seine Worte sind es wert, im Wortlaut zitiert zu werden, denn jeder Satz war von Wut durchdrungen: „Ich finde das inakzeptabel. Was hat er Cottbus angetan? Ganz im Gegenteil. Er hat alles für seinen Arbeitgeber gegeben. Ich halte ein solches Verhalten für inakzeptabel.“
Er ging sogar noch weiter: „Wenn ich deswegen Ärger bekomme, dann sei es so – ich würde sogar gerne zu Hause bleiben.“
Zudem kritisierte er einen problematischen Aspekt der Fankultur: „Sie [die Fans] zerreißen eine Person förmlich, gehen dann nach Hause und tun es als Scherz ab. Das macht es für mich sehr schwer, in Cottbus so weiterzuarbeiten wie bisher, denn ich kann das nicht akzeptieren. Es ist wirklich beschämend.“
Warum dies wichtiger ist, als es auf den ersten Blick scheint
Wäre dies nur ein Einzelfall, würde Wollitz’ Wut zwar Respekt verdienen, aber keine tiefgehende Analyse erfordern. Das Problem ist jedoch, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt.
Seit seinem Wechsel von Hertha nach Wolfsburg wurde Reese in fast jedem Auswärtsspiel von gegnerischen Fans ausgepfiffen. Die Schmähungen der Cottbuser Fans waren weder der erste noch der letzte Vorfall dieser Art. Dennoch steckt eine tiefere Logik dahinter, dass Wollitz gerade in diesem Moment und auf diese Weise so scharf reagierte.
Die Leidenschaft der Cottbuser Fans ist das wichtigste Kapital des Vereins. Dass eine Mannschaft aus einer Kleinstadt mit nur 100.000 Einwohnern in Ostdeutschland Zuschauerzahlen vorweisen kann, die mit denen der oberen Tabellenhälfte der 2. Bundesliga konkurrieren – und zudem über eine extrem engagierte Auswärtsfanszene verfügt –, ist nur dank dieser fast religiösen Hingabe möglich. Doch in bestimmten Momenten kann genau diese Leidenschaft in ein Verhalten umschlagen, das Wollitz als „beschämend“ bezeichnete.
Wo verläuft die Grenze? Wollitz gab keine direkte Antwort, doch sein Verhalten setzte eine klare Grenze: Man kann zwar verrückt nach Cottbus sein, aber man darf den Namen des Vereins nicht als Vorwand nutzen, um einen jungen Mann zu zerstören, der mit dem Konflikt rein gar nichts zu tun hat.
Bessere Ergebnisse, größere Spannungen
Es gibt noch einen weiteren, oft übersehenen Aspekt: Cottbus spielt derzeit in der 2. Bundesliga weit besser als erwartet.
Nach fünf Spieltagen hat die Mannschaft bereits dreizehn Tore erzielt und zählt damit zu den offensivstärksten Teams der Liga. Dank eines 3:0-Auswärtssiegs beim Karlsruher SC kletterte das Team auf den siebten Tabellenplatz. Für einen Aufsteiger ist das ein Traumstart. Doch das „Übertreffen der Erwartungen“ bringt einen ganz eigenen Druck mit sich. Die Erwartungen der Fans schießen oft in die Höhe; der Abstand zwischen „wir wären schon mit dem Klassenerhalt zufrieden“ und „sollten wir vielleicht nach Höherem streben?“ lässt sich mitunter schon durch zwei Siege überbrücken. Als Wollitz vor der Saison nach seinen Zielen gefragt wurde, sprach er vom „Überleben“ – doch diese bescheidene Einschätzung teilten die Fans nicht unbedingt.
Wollitz’ öffentlicher Ausbruch war gewissermaßen der Versuch, bei diesen Erwartungen „auf die Bremse zu treten“. Er wählte ein extremes Mittel, um allen in Erinnerung zu rufen: Wir sind ein
